Eine Illustration im Retrostil, die einen fast leeren Holztisch zeigt. Im Vordergrund sitzt die kantige, rot-schwarze Tasse „Überheblichkeit“, gegenüber eine schwere, dunkle Tasse „Macht“. Eine schlichte Tasse „Sanftmut“ steht zögerlich im Hintergrund.

Trotz, Macht und Sanftmut. Ein Stammtisch-Gespräch. (Teil 4)

Frau Burner denkt laut: Trotz hat lange am Tisch gesessen – erst mit Barmherzigkeit (Teil 1), dann mit Angst und Bevormundung in Teil 2, zuletzt mit Einsamkeit und Überheblichkeit in Teil 3. Jetzt kommt der Moment, auf den alles zulief: Trotz steht auf. Aber nicht jeder am Tisch steht mit auf.

Trotz steht auf

Trotz erhebt sich langsam vom Tisch. Der Stuhl kratzt leise über den Boden.

SprecherDialog
Einsamkeit:Du stehst auf.
Trotz:Ja.
Einsamkeit:Und ich?
Trotz:Komm mit. Ich will nicht mehr allein sein – aber du auch nicht.

Beide gehen zur Tür. Von drinnen hört man Musik, Stimmen, Lachen. Die Tür öffnet sich, das Licht des Festes fällt herein – dann schließt sie sich wieder. Der Tisch ist leer bis auf einen. Überheblichkeit sitzt allein da, den Blick auf die geschlossene Tür gerichtet.

Macht und Überheblichkeit

Da wird die Tür erneut aufgestoßen – diesmal laut, hart. Macht tritt ein, bleibt stehen, sieht auf Überheblichkeit herab.

SprecherDialog
Macht:Sie sind alle gegangen.
Überheblichkeit:Ich bin geblieben.
Macht:Das nennst du Treue? Ich nenne es: du hattest keine Wahl.
Überheblichkeit:Ich kenne dich. Ich hab dir oft genug gedient.
Macht:Gedient? Du hast mir Recht gegeben, wenn ich recht hatte, und geschwiegen, wenn ich unrecht hatte. Das ist kein Dienst. Das ist Nützlichkeit.
Überheblichkeit:Ich stehe für mich selbst.
Macht:Du stehst, solange ich dich stehen lasse. Frag dich, wessen Gesicht du eigentlich trägst, wenn du auf andere herabsiehst. Meins. Immer meins.

Überheblichkeit schweigt. Zum ersten Mal wirkt sie unsicher.

SprecherDialog
Überheblichkeit:Und du? Wessen Gesicht trägst du?
Macht:Ich brauche keins. Ich bin das, was übrigbleibt, wenn keiner mehr fragt, ob es richtig ist – nur noch, ob es funktioniert.
Überheblichkeit:Das klingt einsam.
Macht:Das klingt nach Kontrolle. Verwechsle das nicht wieder.

Sanftmut kommt herein

Da wird die Tür erneut geöffnet – diesmal zögerlich. Sanftmut kommt herein, aufgeschreckt, sorgenvoll. Sie sieht Macht, dann Überheblichkeit.

SprecherDialog
Sanftmut:Was passiert hier?
Macht:Nichts, was dich etwas angeht.
Sanftmut:Doch. Wenn du hier bist, geht es alle etwas an.
Macht:Du redest, als hättest du hier etwas zu sagen.
Sanftmut:Ich sage nicht viel. Aber ich bleibe da, wo du längst gegangen wärst. Im Streit am Küchentisch. Im Meeting, wenn einer laut wird und alle anderen leise werden. Beim Elternabend, wenn jemand das letzte Wort haben muss.
Überheblichkeit:Und was bringt das?
Sanftmut:Nichts, was man messen kann. Aber jeder hier weiß, wie es sich anfühlt, wenn einer laut über einen hinwegredet – und wie anders es sich anfühlt, wenn jemand bleibt, ohne zu drängen.
Macht:Sanft sein heißt schwach sein.
Sanftmut:Sanft sein heißt, dass ich nicht muss. Ich könnte laut werden. Ich könnte Recht behalten wollen. Ich tu’s nur nicht.

Und du? Sitzt du gerade eher am Tisch bei der Macht, die meint, sie bräuchte niemandem Rechenschaft zu geben – oder erkennst du dich eher in der Überheblichkeit, die längst nur noch ein geliehenes Gesicht trägt?

Schreib’s gerne in die Kommentare oder auch per email.

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (Jak 4,6)

Wenn dir diese Geschichte gefallen hat, teile sie gern weiter. Fortsetzung folgt.

Falls du die Vorgeschichte verpasst hast: Hier geht’s zu [Teil 1], [Teil 2] und [Teil 3].

Alles Liebe 💕


Veröffentlicht

in

von

Kommentare

8 Kommentare zu „Trotz, Macht und Sanftmut. Ein Stammtisch-Gespräch. (Teil 4)“

  1. Avatar von Andrea
    Andrea

    In jedem davon seh ich mich, eher weniger als mehr.
    Es wird mit der Zeit wohl mehr zur Sanftmut tendieren.
    Wobei ich aufpassen sollte es nicht in Gleichgültigkeit gleiten zu lassen….
    Mit ❤️Grüßen

  2. Avatar von Peter Lehr
    Peter Lehr

    Wieder sehr gut.
    Danke

  3. Avatar von Madame Rachelle
    Madame Rachelle

    Kann es kaum erwarten dass die Frucht der Sanftmut bei mir richtig reif wird. Oftmals ertappe ich mich eher dabei, das letzte Wort haben zu wollen… Die Konsequenzen sind fast ausnahmslos bitter und zerstörerisch. :-S

    1. Avatar von frauburner

      Sanftmut ist selten das erste, sondern das reife Ergebnis vieler Übungen..Ohja..– dass du und auch ich es überhaupt bemerken , ist schon ein Teil des Wachstums 😉 Danke !

  4. Avatar von Dora Etzel
    Dora Etzel

    Hallo Zusammen,

    Eine sehr tiefgehende Frage.

    Wenn ich ehrlich in mich hineinschaue, dann sitze ich wohl an keinem der beiden Tische. Ich entdecke bei mir eher Momente der Unsicherheit und der Scham, die mich manchmal zurückhalten. Gleichzeitig erinnert mich deine Frage daran, wie wichtig Demut und Selbstreflexion sind. Denn niemand ist frei von blinden Flecken – entscheidend ist, ob wir bereit sind, sie zu erkennen und daraus zu lernen.

    Vielen Dank für diesen wertvollen Denkanstoß. ❤️

    1. Avatar von frauburner

      Liebe Dora ! Danke für deine Ehrlichkeit – genau das war mit der Frage gemeint. Vielleicht ist die Bereitschaft, die eigenen blinden Flecken zu suchen, schon der erste Schritt aus ihnen heraus.❤️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert