Barmherzigkeit und Trotz. Ein Gespräch.

Frau Burner denkt laut:

Ich hab mich gefragt, wie Barmherzigkeit und Trotz eigentlich zueinander stehen. Also hab ich sie einfach miteinander reden lassen.

Trotz sitzt schon da, als Barmherzigkeit den Raum betritt. Verschränkte Arme.

SprecherDialog
Trotz:Du schon wieder.
Barmherzigkeit:Ich war die ganze Zeit hier.
Trotz:Eben. Und ich hab zugesehen, wie du jedem alles schenkst. Egal, was er getan hat.
Barmherzigkeit:Stimmt.
Trotz:Das ist nicht fair.
Barmherzigkeit:Nein. Ist es nicht.

Stille. Trotz hatte mit Widerspruch gerechnet, nicht mit Zustimmung.

SprecherDialog
Trotz:Und das sagst du einfach so?
Barmherzigkeit:Du hast recht. Es ist nicht fair. Wer treu bleibt, wer sich anstrengt, wer verzichtet – und dann kommt einer, der nichts davon getan hat, und bekommt dasselbe. Vielleicht sogar mehr.
Trotz:Warum tust du’s dann?
Barmherzigkeit:Weil Fairness nicht das Letzte ist, worauf es ankommt.
Trotz:Für mich schon.
Barmherzigkeit:Ich weiß. Du bewachst was Wichtiges. Gerechtigkeit soll zählen. Verdienst soll zählen. Sonst wird alles beliebig.
Trotz:Also gibst du mir recht.
Barmherzigkeit:Teilweise. Aber du verwechselst zwei Dinge: dass etwas unverdient ist, mit dass es falsch ist.

Trotz schweigt kurz. Dann kommt er zurück, anders.

SprecherDialog
Trotz:Weißt du, was das Schlimmste ist? Ich will ja nicht mal, dass der andere leidet. Ich will nur, dass gesehen wird, was ich getan habe.
Barmherzigkeit:Das höre ich.
Trotz:Mehr nicht?
Barmherzigkeit:Doch. Ich seh’s auch. Deine Treue. Deine Mühe. Die zählt.
Trotz:Fühlt sich nicht so an.
Barmherzigkeit:Weil du sie mit dem vergleichst, was der andere bekommt. Sobald du vergleichst, wird selbst das Meiste zu wenig.
Trotz:Also soll ich einfach schlucken, dass es ungerecht zugeht?
Barmherzigkeit:Nein. Du darfst sagen: Das tut weh. Das ist nicht fair. Beides stimmt. Nur – irgendwann musst du entscheiden, ob du an der Tür stehen bleibst, um recht zu behalten. Oder reingehst.
Trotz:Und wenn ich nicht reinwill?
Barmherzigkeit:Dann stehst du für immer vor der Tür. Draußen, wo die Musik zu hören ist, aber nicht das Fest.

Trotz sagt lange nichts. Dann, leiser:

SprecherDialog
Trotz:Ich hab Angst, dass Reingehen heißt: Alles war umsonst. Meine Treue. Mein Verzicht.
Barmherzigkeit:Nein. Reingehen heißt: Deine Treue war echt – und trotzdem ist das Fest kein Verdienstlohn. Beides ist wahr. Du musst nicht wählen.
Trotz:Das ist schwer zu glauben.
Barmherzigkeit:Ich weiß. Deshalb steh ich hier und warte.

Trotz rührt sich nicht. Auch Barmherzigkeit geht nicht.

(Das Gespräch geht weiter – an anderer Stelle erzählt jemand von einem Sohn, der nicht reinwollte. Und von einem Propheten, der sich einen Baum wünschte statt einer Stadt voller geretteter Menschen.)

Und du? Stehst du gerade eher bei Trotz vor der Tür – oder schon längst drin beim Fest?

Schreib’s in die Kommentare.

Seid gespannt, wie es weitergeht. Teil 2 findet ihr hier

„Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.“ (Lk 15,28)


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Kommentare

6 Kommentare zu „Barmherzigkeit und Trotz. Ein Gespräch.“

  1. Avatar von Peter Lehr
    Peter Lehr

    Super Thema.
    Klasse

    1. Avatar von frauburner

      Es bleibt interessant. Danke. Teil zwei ist da 🙂

  2. Avatar von Madame Rachelle
    Madame Rachelle

    Sehr inspirierend. Danke Frau Burner:-)

    1. Avatar von frauburner

      Danke ! Es geht schon weiter mit einer Runde am Stammtisch 🙂 Teil 2

  3. Avatar von Marlies Bassis
    Marlies Bassis

    Ganz toller Dialog

    1. Avatar von frauburner

      Danke ! Hast du dir schon Teil zwei angeschaut ? Lieber Gruss 💕

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