Nach dem Käfer, nach der Stille, nach Frau Müllers Urlaub – dachte ich, jetzt wird es leichter. Ich hatte mich geirrt.
Rückfall in der Nacht: Was bei Frau Müller geschah
Es war kurz nach Mitternacht, als es klingelte. Frau Müller kannte dieses Klingeln – es klang anders als sonst, hastiger, fordernder. Sie öffnete trotzdem, weil sie es nicht anders kannte, all die Jahre nicht.
Ralf stand vor der Tür. Nicht der Ralf, der sonst morgens beim Kaffee neben ihr saß. Die Tabletten allein waren es diesmal nicht – er hatte etwas dazugenommen, das seine Augen leer machte. Er wollte Geld. Er schubste sie zur Seite und zog weiter, ohne sich umzusehen.
Ich habe Frau Müller danach nicht gefragt, wie sie sich fühlte. Manche Dinge sieht man einer Person an, ohne dass sie ein Wort dazu sagen muss.
Die verschlossene Tür: Lauras Kampf mit einem alten Trauma
Ralf zog weiter zu Laura. Auch bei ihr klingelte es, mitten in der Nacht.
Ihre Hand lag schon am Türgriff, als etwas in ihr kippte. Vor vielen Jahren hatte sie einen Menschen verloren, den sie liebte – an genau das, was jetzt vor ihrer Tür stand. Der Drogentod ihres Jugendfreundes lag nie ganz still, und in dieser Nacht riss er wieder auf. Ihre Hände zitterten. Sie ließ den Griff los.
Ein Flashback, roh und unangekündigt. Und mitten in diesem Sog sagte sie sich leise: Nein. Alte Gewohnheiten habe ich losgelassen.
Sie öffnete nicht.
Wenn Angst zur Grenze wird – ohne dass man es entscheidet
Erst am nächsten Tag, als sie mir davon erzählte, verstand Laura selbst, was geschehen war. Nicht sie hatte entschieden, die Tür zuzulassen – ihre Angst hatte es für sie getan.
Was Laura aber nicht wollte – und was auch Frau Müller nicht wollte, jede auf ihre Weise – war, dieser Angst dauerhaft Raum zu geben. Sie wahrnehmen, ja. Ihr das Steuer überlassen, nein.
Epheser 6,13: Feststehen, obwohl man zittert
„Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen und, wenn ihr alles ausgerichtet habt, stehen (bleiben) könnt:“
Ich habe dieses Wort lange für ein Bild von Stärke gehalten. Jetzt verstehe ich es anders. Feststehen heißt nicht, keine Angst zu haben. Es heißt, nicht wegzulaufen, obwohl man zittert. Laura ist nicht geflohen – sie stand hinter ihrer verschlossenen Tür, zitternd, und blieb trotzdem stehen.
Nächstenliebe und Grenzen: Kein Widerspruch
Man könnte meinen, eine Tür zuzuhalten widerspreche der Nächstenliebe. Ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Laura liebt Ralf – und trotzdem öffnete sie nicht. Beides zugleich, ohne Widerspruch. Manchmal ist die geschlossene Tür der barmherzigste Ort, an dem man stehen kann.
Schafft Ralf es?
Das Gerüst, das diese kleine Gemeinschaft getragen hat, liegt heute Nacht in Trümmern. Ich weiß nicht, was aus Ralf wird. Schafft er es, jetzt, wo er so tief unten ist wie schon lange nicht mehr? Ich habe darauf keine Antwort. Ich beobachte nur, und ich hoffe, so wie ich es immer getan habe.
Und du? Gab es in deinem Leben eine Nacht, in der deine Angst dich beschützt hat, bevor dein Verstand überhaupt wusste, wovor?
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Gott segne Dich 💕
Diese Geschichte ist Teil einer Serie: Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4 – Teil 5 – (Du liest gerade Teil 6)

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