Manchmal schenkt dir das Leben eine zweite Begegnung – und die ist noch schöner als die erste. Vom Wiedersehen auf einem Vereinsfest, einer geteilten Tasse Kaffee, der Witwe mit den zwei Scherflein und der Frage, wie viel Güte in unserem alltäglichen Denken steckt.
Frau Burner denkt laut.
Heute traf ich sie wieder. Die drei vom letzten Mal. Diesmal mitten im Trubel auf einem Fest des Schäferhundevereins.
Sie entdeckten mich, winkten mich freundlich zu sich rüber, und ich setzte mich einfach dazu.
Da saßen sie nun in der warmen Sonne, lachten und waren sichtlich fröhlich miteinander: Der Drogenkranke, die kranke Frau und die Frau vom Amt. In der Mitte des Tisches stand eine einzige Tasse Kaffee. Es sah so aus, als ob sie sie ganz selbstverständlich miteinander teilten. Vor jedem stand eine Portion Pommes.
Ihre Leichtigkeit war im ganzen Raum spürbar. Und ich? Ich fühlte mich einfach nur wohl.
Die zwei Scherflein der Witwe lassen grüßen
Mir wurde ein Schluck aus der Kaffeetasse angeboten. Ich nahm an. Köstlich! Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann ich zuletzt so einen guten Schluck Kaffee in so einer ehrlichen Gemeinschaft getrunken habe.
Was ich erst später erfuhr: Das Geld war bei ihnen fast wieder komplett weg. Die Frau vom Amt hatte die Pommes für alle bezahlt. Und diese eine Tasse Kaffee? Die hatte der drogenkranke Mann von seinem allerletzten Rest Geld für uns alle geholt – einfach, um sie voller Freude mit uns zu teilen.
Beim Zusehen musste ich sofort an eine alte biblische Geschichte denken: Die Witwe mit den zwei Scherflein lässt grüßen.
„Da kam eine arme Witwe und warf zwei Scherflein hinein… Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie alle haben von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut alles, was sie hatte, eingelegt, ihren ganzen Lebensunterhalt.“ (Markus 12, 41-44)
Die Großzügigste im Denken
Während wir so dsaßen, beobachteten wir einen jungen Mann an einem anderen Tisch, der seine noch halbvolle Portion Pommes einfach lieblos in den Mülleimer warf. Wir wollten nicht schon wieder urteilen, schauten uns nur schweigend an.
Da lächelte die Frau vom Amt, blickte dem jungen Mann hinterher und sagte leise: „Wer weiß – vielleicht hat ja ein Vogel hineingemacht.“
Ausgerechnet sie. In diesem Moment war sie für mich die Großzügigste im Denken. Und überhaupt! Mir fehlten einen kurzen Moment lang einfach die Worte.
Der drogenkranke Mann sprach währenddessen fast die ganze Zeit mit seinem Handy – und war trotzdem voll und ganz bei uns. Die kranke Frau saß einfach nur still da – und dieses bloße Dasein reichte völlig aus. Die Frau vom Amt liebte das Leben genau so, wie es eben in diesem Moment war.
Der Mensch wird am Du zum Ich
Und ich? Ich war einfach nur dankbar. Dankbar, dass ich diese Gemeinschaft miterleben durfte. Echte Gemeinschaft bewertet nicht, sie lässt jeden genau so sein, wie er ist. Der Philosoph Martin Buber hat das einmal so schön auf den Punkt gebracht:
„Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Was braucht es eigentlich wirklich für einen guten Moment? Und wie viel von diesem einfachen Glück habe ich täglich vor Augen, ohne es überhaupt noch zu sehen?
Wann habe ich selbst zuletzt geteilt, obwohl kaum etwas da war? Und wann habe ich zuletzt so gedacht wie die Frau vom Amt – mit reiner Güte im Herzen statt mit einem schnellen Urteil auf den Lippen?
Eine Tasse Kaffee. Geteilt. In der Sonne. Das war heute so wunderbar.
Alles Liebe, Deine Frau Burner
Die Serie im Überblick:
- Teil 1: Die Schönschwätzer vom Dienst?
- Teil 2: Eine Tasse Kaffee in der Sonne (Du bist hier)
- Teil 3 Wenn das Leben dich einholt

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